Mittwoch, 15. Mai 2013

Über das Bloggen - Vom Privaten zum Politischen


Meine Mutter kam heute zum Kaffee – wir sprachen über mich und das Internet, über meine Blogbeiträge und was ich so Persönliches von mir preisgebe. Mama kann ganz gut mit dem Internet umgehen. Wir schreiben uns Mails und skypen, sie benutzt Ravelry, findet Dinge bei Google und weiß, was ein Hashtag ist. So findet sie zum Beispiel auch Dinge von mir oder über mich und sie sucht auch ganz gezielt danach. 

Aus dieser Aussage entstand eine interessante Unterhaltung darüber, warum ich manche Dinge ins Internet schreibe, warum ich über Politisches blogge und dabei oft von mir selbst ausgehe.
Ich bin sowohl online als auch offline sehr zurückhaltend mit dem, was ich von mir preisgebe. Ich muss nicht allen gleich allen alles erzählen, was in meinem Kopf so vorgeht. Gebranntes Kind scheut das Feuer. Ich habe da genug Zurückweisung und Ablehnung erfahren, um auch einfach mal nichts zu sagen. Aber es gibt Dinge, die sind gesellschaftlich relevant, auch wenn sie mit privaten Dingen verbunden sind.

Ich schreibe zum Beispiel über Vorfälle mit Rassismus und Sexismus. Sowas erleben auch andere und gerade im Zuge von #Aufschrei haben viele von uns erfahren, wie gut es sich anfühlt, darüber zu schreiben und zu sehen, dass es anderen ähnlich geht. Erzählen hilft mir und anderen.
Ich habe auch über meinen Weg ins Studium gebloggt. Die Tatsache, dass ich nicht aus einer Mittelschichtsfamilie stamme und dementsprechend andere Steine aus dem Weg räumen musste als andere Menschen, kam mir anfangs eher klein und unwichtig vor. Ich habe lange überlegt, ob ich mit einem so privaten Thema Raum einnehmen möchte. Aber ich finde es wichtig, zu zeigen, dass es ein Privileg ist, finanziell gut versorgt zu sein. Auch Themen wie Schüchternheit sind gesellschaftlich relevant, denn welche Eigenschaften bei Menschen mehr oder weniger geschätzt werden, prägt unsere Gesellschaft. Und vielleicht macht es anderen Leuten Mut, denen es ähnlich geht. Vielleicht finden sich andere mit ähnlichen Geschichten und es hilft uns, gemeinsam zu verarbeiten und zu verstehen, was uns geprägt hat.

Ich bewege mich in feministischen Kreisen, schreibe viel dazu. Demzufolge bin ich auch mitten drin in der Debatte, wer wann wie viel Raum einnimmt und sich zu etwas äußern kann/darf. Im Zusammenhang mit #Aufschrei und unserer Nominierung gab es eine Stimme, die davon sprach, dass die Debatte zu weiß-hetero-cis-mittelschichts-fixiert ist. Besonders bei solchen Einwänden finde ich es wichtig, private Dinge, die mich geprägt haben, öffentlich zu schreiben. Ich habe nämlich nicht alle diese Privilegien, die uns allen™ da pauschal zugesprochen werden. Wenn ich das also nicht aufschreibe, kann das niemand wissen.

Ich finde es wichtig, dass nicht nur eine Gruppe Menschen sich zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußert, sondern dass die Stimmen vielfältig sind. Und dazu gehört es eben auch, hin und wieder über sich selbst zu erzählen.

P.S.: Den Einwand meiner Mutter halte ich für nicht relevant und teile ich so nicht ;-)

Montag, 25. Februar 2013

Ich bin schüchtern

Foto von coccinella, CC BY-NC-SA 2.0
"Allgemeine Neigung eines Menschen, auf die Begegnung mit nicht vertrauten Menschen mit Verunsicherung oder Furcht zu reagieren. Schüchternheit ist, soweit sie kein Leiden erzeugt, keine psychische Störung, sondern ein Ausdruck des Temperaments eines Menschen."
(Wikipedia zu Schüchterheit)

Ich bin ein introvertierter Charakter. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, die ich mag, brauche aber auch meine Zeit für mich alleine (oder zu zweit). Kraft tanke ich, wenn ich meine Ruhe habe. Ich bin aber auch verdammt schüchtern. Solange ich mich in einer Umgebung wohlfühle, bemerkt niemand meine Schüchternheit.
Das Problem beginnt, sobald ich das Gefühl habe, auf einer Bühne zu stehen, die ich mir nicht aussuchen konnte. Ich möchte nicht in Mikros sprechen, gestellt fotografiert werden, Unbekannte/Behörden anrufen oder mich in fremder Umgebung präsentieren müssen, ohne darauf vorbereitet zu sein. Ich habe große Angst davor, mich in Gruppen, die ich nicht kenne und durchschauen kann, nicht zurecht zu kommen - so war ich schon als Kind und das steigerte sich durch negative Schulerfahrungen.
Im Alltag am meisten präsent und störend ist die Angst, wenn ich mich in einer Runde fremder Menschen wiederfinde. Ich sitze dann da wie ein Häufchen Elend und stehe innerlich wahnsinnige Ängste aus, während ich versuche, nach außen die Fassade zu bewahren. Wenn dann doch jemand bemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, wehre ich ab, gebe vor, müde zu sein und spiele herunter, dass ich gerade eigentlich einfach Hilfe bräuchte. Ganz stille Hilfe bitte, einfach neben mir sitzen, damit ich mich erinnere, dass ich nicht verloren bin. Und nicht dafür sorgen, dass andere mehr bemerken, als sie eh schon tun. Schrecklich weh tut es auch, wenn meine Gefühle runtergespielt werden - das Wort "Schüchternheit" ist da ja leider etwas negativ besetzt, denn es läd zu Vergleichen mit fremdelnden kleinen Kindern ein und verschweigt dadurch, dass eine_r ein echtes Probblem haben könnte. Wie beim Trösten macht es das nur schlimmer, wenn man nicht ernstgenommen wird. Ich möchte kein lästiges klammerndes Anhängsel sein, ich brauche nur Starthilfe. Bis ich auftaue, können schon mal Stunden vergehen, manchmal nur Minuten. Nur meistens kann ich mir diese Zeit nicht nehmen, ich gerate unter Druck, mir mein Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Ich will mich nicht blamieren, befürchte, dass man mich anstarrt.
Meine Angst vor Gruppen bringt mit sich, dass ich es eben einfach vermeide, mich in fremde Gruppen zu begeben. Zu den Piraten kam ich auch nur, weil ich auf Twitter eine nette Bekanntschaft machte, die ich dann auch mal persönlich traf. Die Stammtischmitglieder wurden nach und nach via Twitter auf mich aufmerksam und überredeten mich, doch mal zum Stammtisch zu kommen. Ich weiß noch, welche Angst ich davor hatte, es war eine Mutprobe für mich.

Ich will hier eigentlich vom letzten Wochenende berichten, das im Bezug auf meine Schüchternheit sehr ambivalent war und ganz gut beschreibt, wie ich so bin.
Am Samstag hatten wir hier in Düren eine Piratenversammlung, die gestreamt und aufgezeichnet wurde. Ich habe mir das Video im Nachhinein angeschaut und war sehr froh darüber, zu sehen, wie locker und gelöst ich aussehe. In meiner angestammten Gruppe fühle ich mich wohl und das sieht man auch. Man hört mich lachen, ich bewege mich natürlich, stelle Fragen an die Versammlungsleitung und übernehme Aufgaben. Schon zwei Tage vorher sah ich ein Video eines kleinen Treffens, bei dem ich gezwungen war, zu sprechen, obwohl ich gerade nicht wollte. In der Situation selbst fühlte ich mich unsicher, davon sah man aber gar nichts. Im Grunde kann ich nämlich gut reden, was ich aber gerne mal vergesse.

Am Sonntag war dann eine Versammlung in einem anderen Piratenkreis. Ein paar Menschen, die ich sehr mag, sind dort aktiv und deshalb wollte ich gerne hinfahren. Wegen Schneefall war das ein bisschen kompliziert zu organisieren: "Du könntest auch einfach alleine fahren", sagte meine Begleitperson. Nein - auf keinen Fall! Die letzten Monate war ich sehr viel unterwegs, traf fremde Menschen und war dabei sehr selten in Panik. Aber: Ich hatte immer ein oder zwei mir nahestehende Menschen bei mir, deswegen ging das so gut. Ich halte mich gerne an einer Person fest, die ich mag. Das hilft mir, mich in die Gruppe einzufinden. Meine Angst ist ja, plötzlich ganz alleine zu sein. Ich habe das Bedürfnis, die Gruppenstruktur zu durchblicken und zu sehen, wer mit wem warum wie verbunden ist. Dann finde ich auch meinen Platz besser.
Letztendlich sind wir zu zweit hingefahren, ich war müde und nicht so ganz fit und am Zielort traf dann leider der "Supergau" ein: Die Versammlung pausierte gerade, man saß an drei Tischen verteilt und die Personen, die ich dort gerne treffen wollte, waren nicht greifbar. Meine Begleitperson wurde dann von mir getrennt, weil es so wenig freie Plätze gab. Ob das okay für mich wäre - war es nicht, aber ich sagte das natürlich nicht. Ich wollte vermeiden, dass jemand meine Angst bemerkt.
Tja, da saß ich dann nun. Fremde Menschen, die sich alle kannten und ich. Wie üblich schwieg ich, lächelte schüchtern, sah mir die Umgebung an oder guckte auf mein Handy. Meine Begleitperson bot mir irgendwann an, mich mit meinem Stuhl zu ihm zu quetschen, denn er merkte, dass irgendwas nicht okay war. Ich bereute es in der gleichen Sekunde, in der ich das Angebot ablehnte (passiert mir oft, dass ich voreilig nein sage, obwohl ich genau das Angebotene möchte). Ich wollte keine Schwäche zeigen und dadurch folterte mich nur noch mehr.
Rettung kam erst, als ein bekanntes Gesicht doch noch auftauchte und sich zum Essen an den Nebentisch setzte. Ich wechselte den Platz und kam dann auch ins Gespräch. Nachdem die Versammlung dann in einem anderen Raum weiterging, war auch wieder alles gut, denn ich hatte meine Begleitperson zurück.

Der Beitrag soll nicht nur Selbstrefelxion, sondern auch eine Art Hinweis sein für Nicht-Schüchterne, die bemerken, dass es Personen in ihrer Umgebung irgendwie nicht gut geht. Vielleicht geht es diesen Menschen wie mir, sie sind schüchtern, aber wollen sich nett unterhalten und nicht über ihre Schüchternheit sprechen. Seid bitte freundlich zu ihnen und helft ihnen aus der Zwickmühle, indem ihr vorsichtig ein Gespräch bedingt und sie miteinschließt, ohne sie zu beschämen.
(Metakommentar: Das zu schreiben fällt mir jetzt wieder schwer, denn ich möchte eigentlich nicht öffentlich über meine Ängste reden, womit ich mich in der gerade beschriebenen Zwickmühle befinde...)

Noch ein Nachsatz: Dazu, wie eine selbst was gegen ihre Schüchternheit tun kann, schreibe ich vielleicht auch mal. Oder eine andere, die es besser weiß ;-)

Freitag, 15. Februar 2013

One Billion Rising - nichts für Feminist_innen?

One Billion Rising spaltete schon vor Beginn der Aktion die Gemüter. Auf der einen Seite gab es viel Begeisterung, auf der anderen auch viel (feministische) Kritik. Es fällt mir schwer, da ein finales Urteil zu fällen. Ich sehe sowohl Chancen als auch Probleme bei der Aktion. Dummerweise war ich auf einem der Events, dessen Moderation und Planung es mir nicht leicht macht, meinen Standpunkt, dass One Billion Rising eigentlich eine gute Aktion sein könnte, vor anderen zu vertreten und beizubehalten.

Die allgemeinen Probleme, die ich wichtig finde, hier gleich zu Anfang:
Das Werbevideo zur Aktion - es ist sehr gewaltvoll, aber eben vor allem rassistisch geprägt. Die meiste Gewalt geht von Men* of Colour aus. Zudem gab es einen deutlichen Unterschied in der Darstellung der Frauen*. Die weißen Frauen* saßen gut gekleidet im Büro, Muslima wurden in "Wüstengegenden" verortet. Was dem Video völlig fehlt, sind Transpersonen. Gedreht wurde der Film also ganz klar aus einer cis-weißen Position mit einem westlichen Blick auf "die da drüben".
Dazu gibt es auch einen langen Text von gladt.de.
Die Aktion bildet wenig Faktenwissen ab, sondern geht viel über Emotion (Bildgewalt usw.). Gewalt an Frauen* muss in die Öffentlichkeit, ich finde aber, man sollte die Aufmerksamkeit nutzen, gleich mal ein paar Zahlen und Fakten ins öffentliche Bewusstsein zu spülen.
Damit einhergeht, dass ich es wichtig finde, die Aktionen nicht zu Tanzevents verkommen zu lassen, die einzig auf Spaß und Party ausgelegt sind. Der Tanz sollte als Flashmob Teil der Aktion sein, aber eben nicht alleine einhergehen. Mehr zu meinem zwiegespalteten Verhältnis des Tanzelements schreibe ich weiter unten.

Auf Ewig Unzufrieden sind ebenfalls verschiedene Kritikpunkte aufgelistet. Ich wusste gar nicht, dass es u.a. "V-Day" heißt, weil das V hier für "Vagina" steht. Dass es sich hierbei um cis-Sexismus handelt, leuchtet mir total ein. Ich habe bisher immer nur die Parallele zum Valentinstag gesehen und fand die gerade gut. Tanzen als Empowerment für sich selbst, ganz ohne dieses paarnormative Ding des Valentinstages. Ich habe da eine ironische Umkehrung gesehen, die mir gefallen hat. Aber ja, man könnte die Aktion auch einfach auf einen der bereits bestehenden Frauen*- oder Antigewalttage legen. Der Blogeintrag fasst diverse Kritikpunkte auf, die mir gar nicht bekannt waren und die viele andere auch nicht thematisiert haben. Sehr viel Zustimmung meinerseits.

Nun zur Sache mit dem Tanzen. Shehadistan hat sich mit diesem Aspekt besonders ausführlich auseinander gesetzt. Ich habe ihren Beitrag irgendwann letzte Woche gelesen und er brachte micht sehr zum Nachdenken.
Ich persönlich sehe das Problem weniger beim Tanzen an sich, als bei der Choreografie. Man muss sowas auswendig lernen und braucht Zeit dafür. Das kann und will nicht jede tun - ich zum Beispiel. Andere haben nicht die nötige körperliche Gesundheit oder Fitness. Sei es, weil eine blind ist und das Lernvideo nicht anschauen kann oder sich spontan was gebrochen hat.
Das Blöde ist aber, dass es kaum eine Demonstrationsform gibt, die immer für alle barrierefrei ist. Auch ein Infostand oder eine Demo kann aus verschiedenen Gründen nicht für alle zugänglich sein. Ich würde deswegen aber nicht die Demonstrationsform an sich verurteilen, sondern viel lieber das Konzept ausweiten. Wie bereits oben geschrieben, ist es mit einer Tanzaufführung nicht getan, es müssen Personen Ansprachen halten, sich um Flyer kümmern oder es können andere Beteiligungsformen gefunden werden, sodass sich möglichst viele Menschen einbringen können. Ich sprach vorher mit Menschen über dieses Event und wir waren uns über diesen Aspekt einig, wir fanden, er lägve auf der Hand. Leider kann man nicht davon ausgehen, dass alle Organteams das so sehen.

Das Tanzen an sich finde ich gut. Tanz kann für einige empowernd sein (ja, nicht für alle - aber ich glaube, es gibt nichts, was alle überall als empowernd empfinden) und vor allem sehr widerständig. Ich mag allgemein diese Dinge, die im öffentlichen Raum irritieren - deswegen mache ich ja auch Yarnbombing.
Ich hätte es aber cooler gefunden, wenn es keine Choreografie gegeben hätte, sondern alle einfach irgendwie wild - von mir aus überall zum gleichen Song - getanzt hätten. Tanzen, sich rythmisch bewegen kann man ja auch als Rollstuhlfahrerin, es ist zumindest barrierefreier als eine Choreo. Und welche gar nicht tanzen möchte, muss das ja auch nicht - das finde ich super wichtig! Und so habe ich das in der Einladung auch verstanden.
Die Frage nach der Angemessenheit würde ich ein bisschen anders betrachten. Vielleicht lebe ich da in meiner eigenen Welt, aber ich sehe die Aktion hauptsächlich als Vernetzung, Verbindung, Empowerment. Es geht in meinen Augen um: "Wir sind da, seht uns!" Durchs Tanzen soll nicht gezeigt werden, wie flauschig es doch ist, Gewaltopfer zu sein, sondern sich auch körperlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen.
Zudem bringt das Tanzen vielleicht nochmal ganz andere Gruppen von Menschen zu Themen des Feminismus. Und ich finde außerdem, dass Revolution Spaß machen darf - ohne Gewalt zu verharmlosen natürlich. Also ich bin pro Tanz, aber Contra Choreo.

Das waren so meine allgemeinen Gedanken, die ich vor dem Event hatte. Jetzt, nach dem Event, tun sich da ganz neue Probleme auf:
Ich war sehr schnell wahnsinnig genervt vom Bühnenprogramm in Köln. Zwischen drei (!) Tanzslots und einer absolut unlustigen und unangebrachten Comedyeinlage, gab es ein paar Rednerinnenbeiträge. Und die waren... nun ja... Wörter wie Sexismus, Homophobie, Rassimus habe ich irgendwie gar nicht gehört. Der Fokus lag auf einer einzigen Diskriminierungsform und die wurde dann auch immer gerne in anderen Ländern verortet. Es wurde von Afghanistan und Indien gesprochen, aber wenig von dem, was vor unserer Haustür passiert. Bei einem Event, was weltweit stattfindet, brauche ich noch weniger als sonst die Stimme für Menschen in anderen Ländern zu erheben - die tun das ja gerade zeitgleich für sich selbst! Es wäre also die perfekte Gelegenheit gewesen, mal weniger gönnerhaft aus "dem Westen" "rüber" zu gucken und anzuprangern, was woanders schief läuft. Gerade nach drei Wochen Aufschreidebatte in eben diesem Land hier hat mich das doch sehr enttäuscht.
Mehrfachdiskriminierung wurde einfach unter den Teppich gekehrt. Wir sind kein Einheitsbrei, wir sind alle unterschiedliche Frauen* (sollte sowas nicht der Tanz auch ausdrücken...?), die mit unterschiedlichen Diskriminierungen zu kämpfen haben. Trans- und Homophobie, Rassismus, Ableismus usw.

Auf der Bühne wurde stattdessen ständig den paar anwesenden Männern* gedankt - für etwas, was ich selbstverständlich finde. Dafür, dass sie nicht scheiße sind, sondern sich einem Protest gegen Gewalt an Frauen anschließen. Ich bin eine von denen, die immer gerne auch Männer* mit einbeziehen möchte. Einfach, weil wir gemeinsam in einer Welt leben. Aber ich muss mich bei denen nicht dafür bedanken.
Als dann der Satz "Lasst uns nicht immer den Männern die Schuld geben, sondern selbst Verantwortung für uns übernehmen!" fiel, dachte ich, ich wäre im falschen Film. Wenn mir Gewalt angetan wird, dann gebe ich daran der Person die Schuld, die die Gewalt ausführt. Dafür muss nicht ich Verantwortung übernehmen - muss ich das hier wirklich noch erklären?! Und wenn wir schon beim Thema sind: Die Komikerin auf der Bühne rief nicht nur dazu auf, dass wir uns selbst mehr lieben und anfassen (Was - jetzt und hier?!), sondern dies auch bei unseren Nachbar_innen tun sollten. Eine Veranstaltung, auf der es auch und ganz zentral um körperliche Übergriffe geht, lässt auf der Bühne dazu aufrufen, ungefragt Grenzen anderer Menschen zu überschreiten. Mehr als krass. Das machte mich sprachlos.
Und bei Sachen wie "man muss auf die Straße gehen, um für seine Rechte einzustehen", verstehe ich auch keinen Spaß. Eine Aktion gegen Gewalt an Frauen, auf der hauptsächlich Frauen anwesend sind und auf der Bühne werden solche Satzkonstrukte formuliert - absurd.

Das Fazit einer meiner Begleitpersonen war: "Dieses Event war irgendwie nicht für Feministinnen gedacht." Damit traf er den Nagel auf den Kopf.

Dienstag, 5. Februar 2013

Trösten


Eigentlich kennen die meisten Menschen hin und wieder emotionale Tiefpunkte. Einige möchten dann lieber alleine sein, andere wollen getröstet werden. Ich hatte dieser Tage wieder einen dieser Tiefpunkte und habe über Trost getwittert. Dass ich gerne tröste und meine Freund_innen mich als Ratgeberin schätzen. Aber eben auch, dass einige Menschen meines Umfeldes - und auch ich selbst! - damit überfordert sind, wenn ich dann mal Trost brauche und gerne auf eine Person zurückgreifen würde.

Via Twitter hat die @LenaSchimmel mich angeschrieben und gemeint, dass ihr das Trösten oft schwerfallen würde und ob ich ihr Tipps geben könnte. Dieser Beitrag ist also gespeist aus Lenas Fragen, die per Mail kamen, und meinen spontanen Eingebungen. Einiges ist einfach das, was ich oft tue, wenn ich trösten muss/möchte, anderes habe ich erfahren und als angenehm empfunden.
Natürlich ist das hier kein Fahrplan, der von oben nach unten abzuarbeiten ist. Traurigkeit kann sich auf viele Wege zeigen, oft auf vielen durcheinander. Aber ob Trauer um einen verstorbenen Menschen oder die Trennung aus einer langen Beziehung, da sind die Unterschiede gar nicht groß.
Ich habe hier die Eckpunkte für dein Verhalten aufgezeigt, die ich am wichtigsten finde. Alles nur Erfahrungswerte und keine psychologischen Meisterinnenleistungen.

1. Ernst nehmen
Wenn ich jemandem meine Gefühle offenbare bzw. daran teilhaben lasse, bin ich sehr angreifbar und möchte gerne ernstgenommen werden. Übertriebenes Trösten kann genauso schlecht sein, wie gar keine oder zu neutrale Reaktion. Nebenher ein bisschen Tätscheln und Floskeln wie "Die Zeit heilt alle Wunden" bringen die traurige Person so gar nicht weiter, sondern sorgen zusätzlich zur Trauer auch noch für das Gefühl, alleine gelassen und nicht für voll genommen zu werden. Auch Bewertungen wie "Ist ja nicht so schlimm" und "Die Frau war eh nicht gut für dich" sind völlig fehl am Platz.

2. Schutz
Nicht alle Menschen weinen, wenn sie traurig sind. Manche können nicht weinen oder schämen sich ihrer Tränen (gerade Jungs und Männern wird ja oft noch eingeredet, dass weinen Schwäche bedeutet und Schwäche etwas Schlechtes wäre). Wichtig ist auf jeden Fall, ein geschütztes Umfeld zu schaffen. Sorge dafür, dass du und die trauernde Person alleine im Raum sind und niemand einfach so hereinstürmen kann. Mache es der Person gemütlich - egal, ob sie nur in die Luft starren möchte, weint, sich aussprechen will o.a. Ein Kissen, eine Decke oder eine Katze können sehr hilfreich sein. Gehe du ans Telefon, wenn es klingelt, oder schalte es noch besser ab. Aber lasse nicht die traurige Person auch noch Telefonate beantworten müssen. Wenn der traurige Mensch nervös auf und ab läuft, dann lasse sie_ihn. Setz dich hin und strahle ein bisschen Ruhe aus, wenn die Person so weit ist, wird sie sich zu dir setzen.
Alleine lassen ist in meinen Augen der schlechteste Weg und kann auch gefährlich sein. Manchmal ist aber Abstand gut, lasse der trauernden Person ihren Raum, aber signalisiere, dass du da bist.

3. Ausweinen lassen
Manchmal muss man einfach weinen. Mir geht es oft so, dass ich danach besser denken kann, mich freier fühle und die Erschöpfung nach einem richtige Weinkrampf auch sehr erleichternd sein kann.
"Jetzt weine doch nicht" ist auch wieder so ein Spruch, der sagen: "Hey, du machst was falsch, lass das mal!". Das bewertet wieder das Verhalten der trauernden Person. Beim Weinen vielleicht besser gar nichts sagen, meistens kann dein Gegenüber dir sowieso nicht antworten.
Ich finde es persönlich total okay, mitzuweinen, wenn dir danach ist. Ich kann oft nicht anders, gerade wenn ich eine Person tröste, die mir wichtig ist. Gemeinsames Weinen kann auch heilsam sein, aber versuche, nicht deine Gefühle zu sehr in den Vordergrund zu drängen.
Wenn du mit einer weinenden Person überfordert bist, hilft das natürlich auch nicht weiter. Dann wäre es nett, wenn du dich um entsprechenden "Ersatz" kümmerst.

4. Körperkontakt - oder besser nicht?
Die meisten von uns wollen sich nicht von allen Menschen und in allen Situationen anfassen oder gar umarmen lassen. Gerade wenn eine Person in einer so emotional angreifbaren Situation ist, ist es ganz wichtig, nach dem Zustimmungsprinzip zu handeln. Frage also bitte vorher, ob du die Hand halten sollst, umarmen darfst oder kuscheln okay ist (wenn du selbst das auch möchtest). Wenn du dann ein "ja" hörst, umarme so lange, wie die zu tröstende Person das möchte. Ohne Zeitbegrenzung einfach da sein, gibt Sicherheit und das ist sehr wichtig, wenn man traurig ist. Sei nicht beleidigt, wenn kein Körperkontakt gewünscht ist und nutze die Kraft- und Wehrlosigkeit der Person nicht aus.

5. Schweigen
Wenn die traurige Person nur dasitzt und nichts sagt, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie mit ihren Gedanken alleine sein und nichts sagen oder hören möchte. Vielleich weiß sie aber auch einfach nichts zu sagen und würde gerne etwas Tröstendes von dir hören. Davon auszugehen, dass Schweigen bedeutet, du bist unerwünscht, ist aber auch falsch.
Genau wie zu fragen, ob eine Person umarmt werden möchte, kannst du fragen: "Soll ich lieber nichts sagen?" Einige Leute - wie ich - müssen erst alles mit sich selbst durchkauen, bevor sie sprechen können. Da hilft es dann eben, den oben beschriebenen Schutzraum aufzubauen und ggf. konsensual die Hand zu halten.

6. Sprechen
Ab einem gewissen Punkt möchten viele Menschen über das sprechen, was sie gerade traurig macht. Genau wie beim Weinen ist es gut, die Person dann einfach machen zu lassen. Nicht unterbrechen, keine ungefragten Ratschläge geben und nichts von dem bewerten, was gesagt wird.
Reden ist oft der zweite Schritt nach dem Schweigen und sollte auf keinen Fall aufgedrängt werden. Wenn du deine Bereitschaft signalisieren möchtest: "Wie fühlst du dich?" und "Möchtest du drüber reden?" sind passendere Fragen als das oberflächliche "Wie geht es dir?".
Etwas zu sagen, was einen Menschen direkt wieder glücklich macht, ist unmöglich. Du kannst durch deine Worte Verständnis zeigen und damit die Punkte 1 und 2 verstärken. Dass du dich selbst in der Situation auch nicht anders fühlen würdest, kann viel mehr helfen als man denkt, denn Verbundenheit spendet Trost. Verbundenheit kann durch Erfahrungsaustausch entstehen, ist aber in der ganz frischen Trauer schwierig. Du solltest nicht auf dich und dein Erleben ablenken, sonst fühlt sich dein Gegenüber womöglich noch gedrängt, dir zu helfen.

7. Trost via Internet
Lena hatte ganz explizit gefragt, ob man via Netz (Twitter z.B.) Trost anbieten sollte. Ich finde, hier kommt es sehr darauf an, in welcher Beziehung man zueinander steht.
Wenn du die Person auch persönlich kennst und ihr auch außerhalb des Netzes befreundet seid/euch trefft, ist es sehr nett, anzubieten vorbeizukommen und zu trösten. Wenn man sich vorher nie gesehen hat, würde ich das als zu aufdringlich empfinden.
Aber auch bei reinen Netzbekanntschaften finde ich es lieb, Trost und Hilfe anzubieten. Trost via Nachricht/Mail kann zwar kein Ersatz für echtes Treffen sein, aber Zuspruch und Rat sind auch so möglich. Per Mail bist du natürlich darauf angewiesen, dass dein Gegenüber dir sagt, ob es sagen will, was los ist - Körpersprache und Berührung fallen völlig weg. Ggf. Tipps geben und zeigen, dass die Person nicht alleine ist, das geht aber - oder ihr verabredet ein Telefonat. Wichtig finde ich, nichts anzubieten, was man nicht leisten kann. Dann lieber schreiben: "Ich weiß nichts Schlaues zu sagen, ich wollte nur zeigen, dass du nicht alleine bist."

tl;dr
Was du nicht vergessen darfst: Die traurige oder trauernde Person steht im Mittelpunkt, nicht du. Sie gibt den Takt der Trauer und des Tröstens vor. Es ist nicht deine Aufgabe, der Person deine Ratschläge aufzudrängen und sie in eine noch unangenehmere Situation zu bringen. Auch das Ausnutzen für unerwünschten Körperkontakt, weil die traurige Person sich gerade nicht wehren kann, ist absolut unangebracht!
Sei einfühlsam und wenn du nicht weiter weißt, frage einfach vorsichtig und ohne noch mehr Druck aufzubauen, wie du dich verhalten sollst. Auch in unserer Traurigkeit sind wir alle individuell.
Schutz bieten, eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen und da sein, sind die wichtigsten Punkte, würde ich sagen. Alles andere passiert dann so, wie es gewünscht und richtig ist. Bleibe natürlich, damit dein Gegenüber auch ganz natürlich traurig sein kann. Du brauchst keine Angst zu haben. Trösten ist gar nicht so schwierig, wie es hier vielleicht scheint.
Hin und wieder musst du einfach nur Tee kochen um euch beide zu entspannen und die Sache so schon auf den richtigen Weg zu bringen.

Freitag, 1. Februar 2013

"Wenn du dann studieren gehst..."

Diese Woche erschien in der Zeit ein Artikel zum Schicksal von Kindern aus Arbeiter_innenfamilien. Ich habe schon länger mal überlegt, darüber was zu bloggen. Da das aber eng mit meiner Mobbinggeschichte verbunden ist, habe ich das immer wieder vor mir her geschoben. Da ich aber evtl. nächste Woche mit @Mandelbroetchen den Arbeiterkind-Stammtisch besuchen möchte, passt mir das gerade in den Kram. Das hier ist eine persönliche Geschichte, eine Sammlung aus Erinnerungen bzw. Gedanken, kein politischer Text mit großartigen gesellschaftskritischen Thesen. Nichts, was nicht auch schon andere gesagt haben, aber eben ein Beispiel.

Ich bin an sich kein Arbeiter_innenkind - ich bin eine Tochter aus einem Hartz 4-Haushalt. Meine Mutter ist ungelernt, geht aber seit vielen Jahren putzen. Mein Vater hat gegen den Willen seiner Mutter die Fachhochschulreife abgeschlossen, einen Beruf gelernt und lange Jahre gearbeitet. Nun hat er drei abgeschlossene Berufsausbildungen, eigentlich wäre er Büroangestellter, heute arbeitet er aber im sozialen Bereich. Meine gesamte Schulzeit über war ich aber eben "die mit dem arbeitslosen Vater" - unabhängig davon, ob mein Papa gerade in einer der vielen Maßnahmen des Arbeitsamts/einer Fortbildung steckte oder zuhause war. Wenn man nach den Zahlen geht, waren wir "arm", Geld war immer knapp. Ich bin froh über mein Elternhaus und stolz auf meine Eltern, darum soll es hier gar nicht gehen! Es gab aber eben Schwierigkeiten, die mit Geld zu tun hatten - Stichwort Teilhabe.

In der Grundschule war ich nach kurzen Anfangsschwierigkeiten eine der Klassenbesten. Ich lernte gerne, lesen wurde meine Leidenschaft und ich wurde sehr viel gefördert. Mein Vater war zuhause und half mir jeden Nachmittag bei den Hausaufgaben. Nichts blieb ungelöst, nichts unerklärt - seine Unterstützung war unerschöpflich, seine Geduld nicht immer - meine auch nicht ;-) Spätestens in der 8. Klasse ging mir die Lernerei mit ihm gehörig auf die Nerven, trotzdem bin ich für die Hilfe noch heute sehr dankbar. Irgendwann stießen meine Eltern aber natürlich an ihre Grenzen. Wir waren nun mal kein Haushalt voller Akademiker_innen, viele Dinge waren für meine Eltern neu.
Ich hatte ich eine großartige Grundschullehrerin. Sie setzte sich immer persönlich dafür ein, damit ich an allen Schulausflügen teilnehmen konnte - auch, wenn meine Eltern sie sich nicht leisten konnte. Die Gymnasialempfehlung war gar keine Frage, ich konnte die Ansprüche locker erfüllen. Schon in der dritten Klasse hieß es von meinen Eltern aus immer: "Wenn du dann auf's Gymnasium gehst..." und ab der siebten Klasse: "Wenn du dann studieren gehst...". Ich musste nie darum kämpfen, auf's Gymnasium zu gehen - ganz im Gegenteil kam gar nichts anderes in Frage. Der Kampf begann erst auf dem Gymnasium.
In der Grundschule spielte es noch keine Rolle, was meine Eltern taten, auf dem Gymnasium schon. Eine Freundin ließ irgendwann einmal durchblicken, dass ich einen arbeitslosen Vater hatte und schon war es um meine soziale Stellung in der Klasse geschehen. Ab der 6. Klasse wurde ich in der Klasse ausgegrenzt, beschimpft, auf dem Nachhauseweg verfolgt und nachmittags zuhause angerufen. [1] Ich war trotzdem immer gut in der Schule, auch unter diesen schrecklichen Umständen. Das heizte die Mobber_innen sogar noch mehr an - arm und schlau, das geht nicht! Ich gehörte nicht an diesen Ort, das Gymnasium stand mir nicht zu. Also wurde sich darüber lustig gemacht, was für Klamotten ich trug, dass wir kein Auto hatten, nie in Urlaub fuhren und ich keine Geburtstagsfeiern im Kino veranstalten konnte. Was die Eltern beruflich machen und wieviel Taschengeld wir bekommen, das waren Unterrichtsthemen, die mir große Angst machten. Ich bekam nämlich kein Taschengeld.

Ich wechselte in der 8. Klasse die Schule - auf ein anderes Gymnasium, denn meine Zukunft wollte ich mir nicht verbauen lassen. Ohne hier auszuführen, wie es an der neuen Schule weiterging: Ich war weiterhin eine gute Schülerin, machte erfolgreich mein Abitur. Im 10. Schuljahr entschied ich mich, nach dem Abi Germanistik zu studieren, in der 11 schaute ich mir die Unis an, die für mich in Frage kämen. Mein Weg war vorgezeichnet und ich ging ihn sehr geradlinig, wusste was ich machen wollte.
Ich musste das auch wissen, denn mir wurden mehr Steine in den Weg gelegt als meinen Mitschüler_innen. In der Oberstufe wurde ich regelmäßig "vom Amt" eingeladen, um über meine Zukunft zu sprechen. Der Sachbearbeiter ließ mich eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben. Sowas müssen Hartz 4-Empfänger_innen tun, um vertraglich zu vereinbaren, dass sie sich regelmäßig bewerben usw., damit es nicht zu Leistungskürzungen kommt. Ich musste unterschreiben (ja, "Vereinbarung" klingt freiwillig, ist es aber nicht), dass ich regelmäßig zur Schule gehe und mein Abi mache. Meine Noten und Fehlstunden wurden notiert und man zeigte sich sichtlich beeindruckt von der schüchternen 16jährigen, die genau wusste, was sie studieren wollte und trotz "Armut" gut in der Schule war. Es war absurd! Mitschüler_innen aus Familien mit besserem Einkommen durften "machen, was sie wollten". Ob gute oder schlechte Noten, Fehlstunden oder nicht - Ärger machten ihnen höchstens die Eltern und solange die Versetzung nicht gefährdet war, war klar, dass dem Abi nichts im Wege stand. Meine Eltern hatte nie Grund zur Klage, aber ich wäre eben ggf. von außen zu einer Ausbildung gezwungen worden. Das ist ein wahnsinniger Druck für einen heranwachsenden Menschen. Die Angst, eine Person könnte kommen und mir meine Schulbildung wegnehmen, nur weil ich mal ein halbes Jahr ins Straucheln komme, was eigentlich jeder_m Jugendlichen zustehen sollte.

Meine Abiturzeugnisvergabe habe ich in mittelschöner Erinnerung. Es war schade, dass unser Abiball ausfiel, aber ich war froh, kein Geld für ein teures Kleid zusammenkratzen zu müssen. Bei der Zeugnisvergabe bekamen dann unsere beiden Besten von der Schule eine nicht unerhebliche Summe Geld geschenkt. Eine Freundin aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen und ich bekamen kaum den Mund zu. Wir beide hatten richtig gekämpft für unseren Abschluss und beide sehr gut abgeschnitten. Wir sind sehr früh selbst arbeiten gegangen - ich habe in den feinsten Häusern Nachhilfe gegeben. Wir hatten beide einen Studienplatz in Aussicht und wussten nicht, wovon wir da leben würden. Die beiden, die von unserer Schule mit Geld belohnt wurden, bekamen beide von ihren Eltern einen Laptop zum Abi.
Es blieb das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden - und ja, da war eine gehörige Portion Neid dabei. Sowas wie Internetzugang hatten wir sehr sehr spät (freien Zugang für uns Töchter so als ich in der 12. Klasse war). Ein Duden kostet wahnsinnig viel Geld, das denkt man sich gar nicht, und im Deutsch LK werden natürlich viele Bücher gelesen. Zusatzlektüre, um für's Abi zu lernen, konnten wir uns nicht leisten. Klassenfahrten kosten ein Vermögen und wurden vom Mund abgespart. Eine Mitschülerin, die eine Busfahrkarte von der Schule bekam, nutzte diese ziemliche genau nie, sondern wurde vom Vater mit dem dicken Benz zur Schule gebracht. Ich bekam keine Fahrkarte bezahlt, meine Eltern hatten kein Auto. Hätte ich jemals Nachhilfe gebraucht, hätte ich sie nicht bekommen können. Ich musste gut in der Schule sein, denn ich konnte keine Hilfe bekommen.
Hier zeigt sich ganz klar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, was das Wohlbefinden einfach sehr beeinflussen kann. Es ist nicht fair, dass manche in einem weniger ruhigen Umfeld lernen müssen als andere. Gymnasiast_innen und Lehrer_innen (das kenne ich hauptsächlich aus Erzählungen von anderen, ich hatte da Glück) gehen vielfach immer noch davon aus, dass das Gymnasium nur für die Elite da ist. Und die Elite sind die, die viel verdienen. Mir wehte vielfach der Wind entgegen, dass die Schulform weniger über die Noten, als über die soziale Stellung des Elternhauses aussagt.

Und heute? Ich studiere, bekomme BAföG und gehe arbeiten - bei meiner Schwester sieht es ganuso aus. Im Herbst mache ich meinen Master und ich träume davon, zu promovieren. Meine Eltern verstehen kaum, was ich da in der Uni eigentlich tue, diese Welt ist ihnen fremd. Erst seitdem ich mehr arbeite als "nur" Nachhilfe, verstehen sie, dass ich arbeite. Meine Lernerei ist für sie weniger Arbeit - auch wenn sie immer gefördert haben, dass ich genau da bin, wo ich nun bin. Vor meiner weiteren Verwandtschaft darf ich mich auch immer wieder für mein Studium rechtfertigen. Und dabei studiere ich in Regelstudienzeit ;-)
Natürlich ist die Perspektive nach dem Studium für uns gleich: Wer nach demAbschluss nicht sofort einen Job hat, fällt in Hartz 4. Der Unterschied ist, dass ich am eigenen Leib gespürt habe, was das heißt. Ich will da nicht wieder hin und falle derzeit schon mal gerne in so einen Strudel aus Angst und Leistungsdruck.

[1] Ich glaube, in der 5. Klasse war noch alles okay - mein Gehirn verbietet mir, mich an zu viel zu erinnern. Bis heute gibt es gewisse Trigger und vor allem (Verlust-)Ängste, ich habe das alles nie richtig verarbeitet und möchte das deswegen auch hier nicht zu sehr ausführen - evtl. mache ich das irgendwann mal, wenn Interesse besteht. Menschen, die mich kennen, verstehen vielleicht ein paar meiner Verhaltensweisen besser, wenn sie Teile meiner Geschichte kennen.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Grenzgängerin

Irgendwann im Sommer/Herbst 2011 wurden die Piraten für mich interessant. Unangenehme Fragen stellen und den Finger in die Wunde legen, dabei rotzfrech und auch optisch nicht immer Mainstream. Was in der Presse oft lächerlich dargestellt wurde, löste einen bei mir typischen Reflex aus: So wie auf den Piraten herumgehackt wurde, musste ich mir die mal näher anschauen. Vielleicht schreibe ich irgendwann mal eine Liebeserklärung an die Piratenpartei. Was mich insgesamt von der Partei überzeugte, soll aber heute nicht Thema sein.
Trotz Übereinstimmung bei vielen Themen, gab es einen Punkt, der mich störte und den ich auch heute immer wieder höre: "Piraten? Das sind doch die mit dem Frauenproblem!"
Ich, die ich mich seit Jahren als Feministin bezeichne, kann doch keine Partei gut finden, die von sich sagt, postgender zu sein. 
Im März 2012 wurde der Landtag hier in NRW aufgelöst. Plötzlich standen für Mai Neuwahlen an und ich musste mich damit auseinandersetzen, was ich denn wählen will. Und ich sage es hier ganz ehrlich: Wirklich final entschieden habe ich mich am Tag der Wahl - für die Piraten. Und ich habe die Partei dann nicht nur gewählt, ich bin sechs Wochen später eingetreten.

Seit diesem Tag habe ich das Gefühl, ich muss mich auf zwei Seiten, die mir sehr wichtig sind, rechtfertigen. Ich bin Feministin und ich bin Piratin. Beides bin ich mit viel Leidenschaft und beides ist sehr sehr anstrengend. Gender ist mein Lieblingsthema und deswegen ist das auch in der Partei meine Nische. Ich kenne sehr viele Leute, die genauso denken wie ich. Das Wolke 7-Gefühl wird dann jäh gestört, sobald ich mich aus meiner Filterbubble herausbewege. Die Piraten sind da nur Spiegel der Gesellschaft - Feminist_innen kennen wohl genau, was ich da beschreibe.
Ich fühle mich manchmal wie eine Grenzgängerin - stets bemüht, auf beiden Seiten zu vermitteln und mich und meine Ansichten verständlich zu machen. An manchen Tagen will ich das alles einfach nur hinwerfen. Dann wird mir das zuviel und ich habe das Gefühl, dem nervlich und emotional nicht standhalten zu können. Ewig gleiche Diskussionen mit Menschen, die ich für ansonsten schlau und spannend finde. Aber wir versammeln so unheimlich kluge Köpfe in der Partei. Ich bin in sehr empowernden Gendernetzwerken aktiv, entwickle meine eigenen Ansichten weiter und merke, dass ich manchmal vorher skeptische Leute zum Nachdenken anregen kann.
Feministin sein ist nicht als der widerstandsloseste Lebensweg der Welt bekannt - Mitglied der Piratenpartei zu sein ebensowenig. Ich bin aber froh sagen zu können, dass ich beides die meiste Zeit gerne bin.


Für piratenkritische Feminist_innen und feminismuskritische Pirat_innen:
* Die Piraten sind nicht postgender. Das steht nirgendwo, das wurde niemals beschlossen. Vielmehr wurde mittlerweile das Gegenteil abgestimmt: "Der Begriff 'postgender' entstammt weder einem der Programme noch einer internenen Debatte der Piratenpartei, außerdem ist er schwammig und mehrdeutig, es fehlt eine klare Definition. Vielmehr beruht die Zuschreibung dieses Adjektivs auf einem Bericht der taz. Jens Seipenbusch, dem das Zitat "Wir sind postgender." in den Mund gelegt wurde, konnte die taz dazu bewegen, es als Zitat aus dem Artikel zu entfernen, trotzdem blieben die Autoren bei der Zuschreibung. Zu diesem Zeitpunkt hatte es jedoch bereits als angebliche Selbstbeschreibung der Piratenpartei breiten Eingang in die mediale Berichterstattung gefunden." Quelle
* Ich habe mir erklären lassen, aus Sicht vieler Pirat_innen sieht Feminismus aus wie Lobbyismus für ein Geschlecht und würde deshalb diesen unrefelktierten Beißreflex auslösen.
Heutzutage ist bei Feminismus meistens die Rede von Postfeminismus und dekonstruktivistischem Feminismus. Die Binarität der Geschlechter wird generell in Frage gestellt, somit setzen diese Feminist_innen sich in der Regel für die Gleichstellung aller Geschlechter ein. Hinzu kommt der Einsatz gegen weitere, oft verschränkte Diskriminierungsformen (Klasse, Hautfarbe usw.). 
* Wir setzen uns als Piratenpartei für Menschenrechte ein. Frauenrechte sind ein Teil der Menschenrechte. Dass für das Einräumen von Menschenrechten ein paar Leute ein paar Privilegien ablegen müssen, sollte okay sein und verlangen wir als Partei ja auch an anderen Stellen des Lebens.
* Warum es Feminismus heißt, hat @acid23 bereits erklärt.
* Die Partei hat ein sehr fortschrittliches Geschlechter- und Familienprogramm. Würde es das nicht geben, wäre ich niemals beigetreten.
*  Man darf sich in der Piratenpartei Piratin nennen - das wollen nur viele Pirat_innen nicht glauben ;-) In der Satzung steht: "Die in der Piratenpartei Deutschland organisierten Mitglieder werden geschlechtsneutral als Piraten bezeichnet." Da steht aber nicht, dass die Mitglieder der Partei sich nicht nennen dürften, wie sie möchten - das würde irgendwie auch so allem widersprechen, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben. Dass da steht, generisches Maskulinum wäre geschlechtsneutral, darüber müssen wir nochmal diskutieren, dem stimme ich absolut nicht zu.
* Es gibt innerhalb der Piratenpartei diverse Netzwerke, die sich mit Genderpolitik beschäftigen - der "feministische Untergrund" (harhar!) ist also aktiv.

Unwissenheit und daraus resultierende Vorurteile gibt es auf beiden Seiten und beide Seiten würden davon profitieren, sich nicht auf Medienberichte und Populärwissenschaften zu verlassen.
Denkt selbst und habt keine Angst voreinander.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Offener Brief an den stellvertretenden Bürgermeister von Düren, Rainer Guthausen

Ich habe vor einigen Tagen über eine Veranstaltung zum Gewaltschutzgesetz geschrieben, die ich besucht habe. Dort hielt auch der stellvertretender Bürgermeister ein Grußwort, auf das ich nun per offenem Brief reagiert habe - meine Email an ihn erscheint also gleichzeitig auch hier.

EDIT: Es gab übrigens zwei Antwortmails, ich darf sie aber ausdrücklich nicht veröffentlichen.


Sehr geehrter Herr Guthausen,

Ich war letzte Woche auf der Informationsveranstaltung zu 10 Jahren Gewaltschutzgesetz im Bürgerbüro. Sie trugen dort gleich zu Anfang ein Grußwort vor, welches ich zum Anlass nehme, Ihnen diese Mail zu schicken und sie gleichzeitig auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Sie erfuhren nach eigenen Worten erst mittags, dass Sie das Grußwort halten sollten - eigentlich war Bürgermeister Paul Larue eingeladen. Leider merkte man deutlich, dass Sie sich schlecht vorbereitet hatten und es am nötigem Feingefühl für das Thema mangeln ließen. Das mag eine Begründung sein, aber keine Entschuldigung.

Thema der Veranstaltung war das Gewaltschutzgesetz, dass es seit 10 Jahren ermöglicht, misshandelte Personen besser zu schützen. Da geht es konkret um Fälle von Gewalt, Vergewaltigung und auch Mord.
Sie starteten gleich damit, dass Sie bei diesem Thema nicht mit einem solchen "Ansturm" gerechnet hätten. Wie Sie zu dieser Annahme kamen, sagten Sie nicht. Ich kann nur vermuten, dass Sie die Veranstaltung als nicht besonders wichtig einstuften. Die auf Ihren folgenden Vorträge sollten deutlich gemacht haben, wie wichtig das Gewaltschutzgesetz ist und welch Kraftakt es war, dieses durchzusetzen.
Schon dieser Eingangssatz wirkte auf mich als Zuhörerin irritierend.

Sie sagten, Sie sehen das Gesetz "nahe bei den Menschenrechten" und relativierten dadurch seine Wichtigkeit. Zum Glück sagte Frau Kleene es in ihrer Rede später viel deutlicher: Schutz vor häuslicher Gewalt IST ein Menschenrecht.
Zudem deuteten Sie an, dass Männer ja von Natur aus gewalttätiger seien als Mädchen. Diese Aussage ist in so vielen Punkten falsch und furchtbar. Sie verharmlosten das Thema häusliche Gewalt, indem Sie den männlichen Tätern Rückendeckung durch die angeblich von Natur aus gegebene größere Aggression verschafften. Die These von den natürlichen Geschlechtsunterschieden ist viel zitiert, wird aber dadurch nicht richtiger und ist in diesem Zusammenhang mehr als unangebracht.
Dann dieses Gegensatzpaar Männer - Mädchen. Entweder stellt man Kinder oder Erwachsene gegenüber, aber man stellt kein so von Machtgefälle strotzendes Beispiel in den Mittelpunkt. Wir sprechen hier von Gewalt zwischen gleichberechtigten Partner_innen! Hauptarbeitsfeld der anwesenden Expertinnen ist es, geschlagene und verprügelte Frauen vor Ihren Partnern zu schützen. Es handelt sich hierbei nicht um kleine Mädchen, sondern um erwachsene Frauen.

Sie lobten das Gewaltschutzgesetz auch, weil der 10-tägige Verweis aus der Wohnung - den die Polizei gegen Täter_innen aussprechen darf - evtl. dafür sorgen würde, dass die "Familie länger bestehen bleibt". Sie stellen hier in den Mittelpunkt, dass es wichtig wäre, dass die Familie sich wieder zusammenrauft, nachdem Partner_innen bedroht, geschlagen und sexuell missbraucht wurden. Es geht darum, die Opfer und ggf. ihre Kinder vor weiterem Täter_innenzugriff zu schützen. Familien, die sich "wieder zusammenraufen", geraten oft in die nächste Gewaltspirale - Trennung kann in diesem Fall Schutz bedeuten. Hier klingt es für mich als Zuhörerin so, als wäre es für Sie persönlich wichtiger, nach außen hin intakte Familien zu haben als Paare, die getrennt leben, aber dafür keine Gefahr mehr füreinander sind. Ich wiederhole mich: Das Gewaltschutzgesetz soll Opfer schützen und nicht Familien kitten.
Die Krönung war für mich, als Sie sagten, dass der Täter "sich gehen gelassen hat". Nochmal: Wir sprechen von Prügeln, Vergewaltigungen, Mord und Zwangsheirat - das hat nichts mit Ausrutschern zu tun und ist ganz klar das Vokabular, mit dem Täter_innen entschuldigt und relativiert werden sollen.

Meiner Meinung nach zeigt Ihre Rede auf, warum wir das Gewaltschutzgesetz so dringend brauchen (und warum es das erst seit 10 Jahren gibt). Es gibt immer noch Leute, die häusliche Gewalt nicht als ernstzunehmendes Problem erkennen und herunterspielen bzw. nicht klar Stellung beziehen. Das erschreckt mich.
Ihre Rede hat mich persönlich sehr irritiert und verletzt. Ich setze nicht voraus, dass Sie Experte auf diesem Gebiet sind, aber ich setze voraus, dass Sie in Ihrer Position etwas mehr Feingefühl aufweisen können. Ich wünsche mir, dass Sie es in Zukunft schaffen, sich zumindest minimal mit einer Veranstaltung auseinander zu setzen, bevor Sie auf dieser sprechen. Gerade bei einem solchen Thema muss Ihnen bewusst sein, dass im Publikum Menschen sitzen, die sich verletzt fühlen könnten.

Mit freundlichen Grüßen.