Donnerstag, 22. Mai 2014

Partizipation, Privatsphäre und Feminismus im Netz



Ich wurde gebeten, für We Promise EU ein Statement abzugeben, welches ich hier mitsamt dem Text veröffentlichen will:

Mein Name ist Jasna Strick, ich bin 24 Jahre alt. Gemeinsam mit Anne Wizorek und Nicole von Horst habe ich den Hashtag #aufschrei initiiert und damit der Sexismus-Debatte in Deutschland neue Impulse gegeben. 

Der Zugang zum Internet muss ein Grundrecht sein. Derzeit verhindern verschiedene Faktoren wie Herkunft, Einkommen, Alter und Geschlecht, dass Patrizipation im Netz für alle möglich ist. In Deutschland bilden Frauen ab 60 die größte Gruppe der Offliner [Quelle].

Wer Zugang zum Internet hat, hat auch die Möglichkeit, Politik zu beeinflussen. Der #aufschrei hat gezeigt, dass wichtige Debatten den Weg aus dem Internet in alle Teile der Gesellschaft, in die Medien und eben in die Politik finden können.

Das Internet bietet eine Öffentlichkeit, die Aktivistinnen für sich nutzbar machen können. Doch Öffentlichkeit bedeutet gleichzeitig immer Risiko, deswegen müssen wir auch über den Schutz der Privatsphäre sprechen - besonders von Personen, die weniger privilegiert sind als weiße heterosexuelle Männer aus der Mittelschicht.

Geht zur Europawahl, denn auf europäischer Ebene wird die Zukunft des Internets entscheidend mitbestimmt.

Dienstag, 31. Dezember 2013

Freund*innenschaft in Zeiten des Aktivismus

Ich habe aus dem alten Jahr eine wichtige Erkentnis gezogen, die ich noch stärker mit ins neue Jahr nehmen will: Ich möchte mir mehr "Dinge" zugestehen, die mir gut tun und ich möchte mir Zeit zugestehen, diese "Dinge" in meinem Leben zu erhalten. Ich setze das hier so in Anführungszeichen, weil ich hier und heute nicht über Dinge schreiben möchte, sondern über Menschen - sich mit Menschen umgeben, die mir gut tun und gegebenenfalls Kontakt zu denen verringern, die mir nicht gut tun, empfinde ich als ganz zentral für mein Wohlbefinden.

Ich habe mich bis Anfang des Jahres in einem Freund*innenkreis bewegt, den ich gute acht Jahre um mich hatte. Als wir uns kennen lernten, beschäftigte ich mich bereits mit Themen, die ich heute als feministisch betrachten würde. Ich bin aber immer eher zurückhaltend damit (gewesen), meine Meinung besonders zu Politik laut zu äußern. Gruppenstrukturen bedeuten für mich als Introvertierte immer Anstrengung und Angst und es hat lange gedauert, bis ich mich getraut habe, auch in vertrauter Umgebung mal eine eigene Meinung zu vertreten und nicht einfach zu schweigen. Es gab da in der Vergangenheit öfter die Situation, dass ich angehalten wurde, da doch auch mal was zu zu sagen, schließlich sei das doch mein Thema. Ich tat das aber nicht, wahrte den Frieden und lächelte brav. Besagte Clique ist leider nicht besonders aware für Diskriminierung. Eine ganz gewöhnliche Gruppe Menschen, wie wir sie überall finden: Herzlicher Umgang mit lesbische Bekannten existiert gleichzeitig mit "schwul" als Schimpfwort - aus Angst vor Übergriffen wurde ich zum Bus begleitet, aber selbst sprachen die Männer fremde Frauen auf beängstigend herablassende Weise an. Dass Rassismus, Sexismus, Homophobie usw. sich in ihren Worten und Taten fortschreiben, war und ist keiner Person bewusst. Und mittendrin war ich. Gefangen zwischen dem ständigen Gefühl, meine Ideale zu verraten und dem Wunsch, weiter Teil einer Gruppe sein zu können, die mir ans Herz gewachsen und vor Ort war.

Schon im Herbst 2012 zeichnete sich in meinem Freund*innenkreis ab, dass wir uns auseinandergelebt hatten und dass das passierte, was in vielen Beziehungen passiert - egal welcher Art sie sind. Ein Teil der Gemeinschaft entwickelt sich weiter, sucht sich neue Wege, hat andere Ziele. Dieser Teil war ich. Und dann kam das #Aufschrei-Jahr. Ich trat öffentlich politisch in Erscheinung. Als Person, als Teil einer Bewegung und mit einem kritischen Thema. Ich merkte, dass ich den Mut habe und haben will, meine Meinung zu vertreten. Mir wurde dadurch bewusst, dass ich nicht mehr damit leben kann, dass von meinem näheren Umfeld *ismen reproduziert werden und ich merkte, dass ich nicht die Kraft habe, die unangenehme Rolle derjenigen zu spielen, die das immer und immer wieder erklärt. Ich konnte mich einfach nicht als Einzelperson gegen die Gruppe stellen. Es gab keinen Streit und keinen großen Knall, es gab nur die Aufeinanderfolge von vielen kleinen Erschütterungen, Enttäuschungen und dem immer stärker werdenden Gefühl, dass ich herausgedrängt werde, wenn ich mich nicht anpasse und dass ich schon mehrere Monate ein totes Pferd ritt. Und irgendwie bin ich dann ganz leise gegangen.

Wenn ich eins gelernt habe, dann ist es, dass ich in meinem privaten Umfeld Awareness brauche. Ich brauche ein Umfeld, das bereit ist, sich selbst und eigene Ansichten zu hinterfragen. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen dafür, dass ich etwas übergriffig finde. Das muss ich sowieso ständig, wenn ich mit fremden Menschen rede, im Privaten brauche ich ein Umfeld, in dem gewisse Dinge Konsens sind. Diskriminierung lässt sich nicht abschalten, sie ist nicht nur da, wenn ich auf die Straße gehe, sondern umgibt mich den ganzen Tag. Ich brauche da emotionale Sicherheit durch Freundinnen und Freunde. Sicherheit in dem Sinne, dass ich mich auf die Leute verlassen kann, die mich umgeben und die ich an mich ran lasse. Ich bin ein zynischer Charakter, betrachte vieles mit einem spitzzüngigen distanzierten Humor und mag diese Eigenschaft an mir. Durch massive schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit, zweifle ich sehr schnell an Zuneigung, die mir entgegen gebracht wird. Ich hinterfrage alles und wenn ich den Eindruck habe, eine Person besonders gern zu haben, werden die Zweifel, dass ich sie mehr mag als andersrum, nur größer. Dann neige ich dazu, meine Gefühle zu verschleiern und Distanz zu wahren, weil ich mir einbilde, dadurch unverletzlicher zu sein (Teaser: hilf nix). Ich kann ansonsten sagen, dass ich eine sehr aufopfernde Freundin bin und schon deshalb gut auf mich achten muss. Wer mein Herz einmal gewonnen hat, kann sich sicher sein, dass ich morgens vor Sonnenaufgang mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt fahre, um Tränen zu trocknen (been there, done that).

Dauerhafter Stress und Bedrohungssituationen haben im vergangenenen Jahr dazu geführt, dass Abschalten teilweise so gar nicht mehr möglich ist, dass ich mich in ständiger Angriffsstellung befinde. Ich bin in den letzten Monaten mit so viel Feindseligkeit in Berührung gekommen, wie selten in meinem Leben. Menschen bedrohen und beschimpfen mich und andere Aktivistinnen. Stress bis zum Burnout wurde mein Begleiter. Gräben haben sich aufgetan, wo vorher keine waren. Viel zu oft habe ich mich isoliert gefühlt und wollte zu keinem Familienfest mehr gehen, um da nicht auch wieder Sexismus erklären zu müssen. Ich habe gemerkt, dass es weiterhin gut ist, skeptisch zu bleiben und zu wissen, als welcher Richtung die Messer im Rücken kommen könnten. Ich wähle noch stärker aus, wen ich Freund*in nenne. Feste Orte taugen selten als Safespaces, ich möchte, dass meine Freund*innenschaften solch sichere Orte sind, dass die Momente mit Freund*innen die sind, in denen ich mich nicht verstellen oder verstecken muss, dass ich dort Rückendeckung und Verständnis finde.

Glücklicherweise habe ich solche Freund*innen - teilweise sind sie seit vielen Jahren mein zweites Zuhause, teilweise kamen sie 2013 hinzu oder unser Kontakt intensivierte sich. Weil mir in den richtigen Momenten oft die richtigen Worte fehlten und obwohl ich auch jetzt nur ansatzweise ausdrücken kann, was ich sagen will: Danke an dieser Stelle für ehrliche Zuneigung, ohne die ich im vergangenen Jahr irgendwann einfach umgefallen wäre. Danke für Liebe, Rückhalt, Vertrauen, Mutmachen, Tränentrocknen, nächtliche Gespräche und Chats, Ratschläge, finanzielle Unterstützung, Zuflucht, Betüdelung, Patin sein dürfen, Pommestreffen, Spaziergänge, Umarmungen und Händchenhalten. Ich verlasse mich drauf, dass ihr wisst, wenn ihr gemeint seid. Für das neue Jahr wünsche ich mir, dass ihr bleiben mögt.

Dienstag, 19. November 2013

What about the Allies? - Welche Art Unterstützung wünschen sich Feministinnen?


Dies ist ein Gemeinschaftstext von @AranJaeger und @Faserpiratin. Wir wollen hier die Erfahrungen von einer Feministin und einem Ally zusammenfließen lassen, um möglichst viele Aspekte zu beleuchten. Natürlich haben unsere Erfahrungen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und sind aus unserer ganz persönlichen Sichtweise beschrieben. Andere Feministinnen und Allies haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht, weswegen wir uns über Kommentare und Ergänzungen freuen. Zudem gibt es Allies auch auf anderen Gebieten, wenn wir hier von Allies reden, meinen wir immer Feminist Allies.

Viele Feministinnen sind zu recht skeptisch gegenüber denen geworden, die sich selbst großzügig als Allies stilisieren, von deren Taten allerorten zu hören, aber so gar nichts zu sehen ist. Das sind vielfach die Männer, die eingeschnappt sind, wenn sie von Feministinnen kritisiert werden, weil ihnen nicht der Hintern für ihr übergriffiges Verhalten gepudert wurde und die dann dramatisch und in Begleitung vielerlei Beschimpfungen die Flinte ins Korn werfen. @Tofutastisch hat dazu bereits einen Rant geschrieben, an den wir uns thematisch anschließen und uns fragen: Was wollen Feministinnen eigentlich?

Allies sind in erster Linie unterstützende Menschen, die nicht selbst von der Diskriminierung betroffen sind, gegen die sie sich stellen wollen. Was dabei als unterstützend empfunden wird, ist von Feministin zu Feministin unterschiedlich. Allies sind auch nicht zwingend Menschen, mit denen eine Feministin befreundet ist und nur weil du dich wie ein Ally verhältst, heißt das nicht, dass dir von deinem Handeln Vorteile bei Feministinnen entstehen. Ally solltest du aus Überzeugung sein und nicht nur, wenn sich eine Feministin in der Nähe befindet und dir dafür „Kekse“ geben kann.

Feministinnen sind 24 Stunden am Tag Feministinnen. Feminismus ist eine Haltung und die lässt sich nicht abschalten, Diskriminierung noch weniger. Frauen sind an vielen Stellen des Lebens Belästigung und Sexismus ausgeliefert, haben schlechte Erfahrungen mit Übergriffigkeit gemacht und gelernt, immer wachsam zu sein. Diejenigen, die sich zusätzlich zum täglichen Kampf im Alltag auch politisch gegen das Patriarchat stellen, müssen sich allerorten erklären und ernten dafür vielfach Spott und Beleidigungen.
Als Feministin wünschst du dir hin und wieder, dass nicht die ganze Welt feindlich ist. Dass du ab und zu Aufgaben abgeben kannst an Leute, die weniger ausgebrannt sind als du selbst und deine (weibliche) feminist bubble. Einfach mal auf einer Party sein, auf der nicht immer du die Spielverderberin bist, die auf sexistische Witze hinweist. Zur Arbeit kommen und ein anderer Mann weist die Kollegen auf den herabwürdigenden Kalender an der Wand hin. Du gehst mit deinem Kind auf den Spielplatz und triffst dort neben anderen Müttern auch Väter, die in Elternzeit gehen, dafür aber nicht auch noch den ganzen Tag gelobt werden wollen. Der Typ, mit dem du dich an der Bar unterhälst, glaubt nicht, dass dein Lächeln ein Zeichen dafür ist, dass du generell auf Männer und im Besonderen auf ihn stehst. Männer erklären dir nicht mehr ungefragt Dinge, die du eh weißt oder nie wissen wolltest.


Ein Ally fällt nicht einfach vom Himmel und deswegen ist es ganz normal, Dinge nicht zu wissen. Wichtig ist immer die Selbstreflektion des eigenen Handelns und der eigenen männlichen Privilegien. Sei dir also auch deines Nichtwissens bewusst und halte dich nicht für unanfechtbar. Nimm Kritik an deinem Verhalten ernst, aber nicht persönlich. Wir alle machen Fehler, wichtig ist, daraus zu lernen, das Handeln zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Wenn Feministinnen dich kritisieren, wirf nicht das Vorwurfskarusell an und gehe nicht in Verteidigungsstellung, das hilft nicht und kostet allen Energie. Erkläre Feministinnen nicht wie "richtiger Feminismus" funktioniert, denn es ist nicht dein Kampf, sondern ihrer. Sprich immer aus deiner Position heraus und spreche Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus, Street Harrasment etc. nicht ab. Sei dir bewusst, dass gerade Feministinnen unter Dauerfeuer stehen und dir deshalb nicht immer die Hand halten und alles hundertfach erklären können. Wenn du bei feministischen Dingen nicht weiter weißt, rede mit einem anderen Ally darüber oder schnapp dir ein Buch.

Vergiss nicht, um wen es hier geht und mache Frauen sichtbar (das fängt z.B. bei Verlinkungen in Blogeinträgen an). Biete Frauen Freiräume, in denen sie sich entfalten können und respektiere. dass diese Freiräume auch mal nur für FLTI* reserviert sind. Achte online und offline auf dein Redeverhalten: Hast du in einem Gespräch viele Redeanteile, die besonders lang sind? Verhälst du dich dominant? Könnten Frauen aufgrund deiner Redensweise keine Lust mehr haben, sich am Gespräch zu beteiligen? Bei manchen Themen ist es wichtig, auch mal den Mund zu halten. Es gibt Felder, die nur von Betroffenen besprochen werden sollten. Nur, weil du eine Meinung hast, musst du sie nicht immer äußern. Achte auch auf deine Sprache: Ist sie sexistisch? Drückst du dich geschlechtergerecht aus? Hälst du dich an die gewünschten Selbstbezeichnungen aller Personen?

Frage erst, ob und wie du helfen kannst, bevor du zur Hilfe eilst und dabei vielleicht übergriffig wirst. Das kann bei Tätigkeiten im Alltag oder auch bei Diskussionen im Netz der Fall sein. Wenn du Frauen das Gefühl gibst, du greifst ein, weil sie Frauen sind und ihre Probleme deshalb nicht alleine lösen können, bist du kein Ally.
Wenn du Street Harassment beobachtest, ist deine Zivilcourage gefragt. Sei dir aber bewusst, dass die Frau sich gerade vermutlich in einer unangenehmen Lage befindet, und vielleicht verängstigt ist. Auch hier ist das Anbieten von Hilfe und ggf. das Vertreiben der*des Angreifers die richtige Wahl. Es ist nicht angebracht, sich dem Opfer danach aufzudrängen. Gerade die Beschreibungen von Street Harassment können dich in deiner Selbstreflektion weiterbringen, denn eventuell hast du auch schon so gehandelt und so Frauen in Bedrängnis gebracht. Auch wenn du das Gefühl von Bedrohung vermutlich selbst kaum nachvollziehen kannst, ist es als mitdenkender Ally z.B. sinnvoll, nachts die Straßenseite zu wechseln, statt hinter einer Frau herzugehen. Selbst wenn du nichts Böses im Schilde führst, solltest du dir bewusst sein, dass die Frau nicht in deinen Kopf gucken kann.
Gleiches gilt beim Flirten und in Beziehungen: Es sollte dir wichtig sein, dass Frauen sich in deiner Umgebung wohl fühlen. Nur, weil du (sexuelles) Interesse an einer Frau hast, solltest du nicht dein ganzes Ally-Verhalten über Bord werfen und in alte Muster zurückfallen. Handle immer im Konsens! Gerade Beziehungen sind ein wichtiges Feld, um neue Ideen vorzuleben. Draußen den großen Held zu spielen, aber zuhause selbstverständlich davon auszugehen, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn du heimkommst und die Mutter/die Mütter deiner Kinder es sind, die in Elternzeit gehen, machen dich nicht zum Ally.
Lass emanzipatorische Ideen in deinen Alltag einfließen, mache sie auch für dein nicht-feministisches Umfeld zur Normalität und erwarte keine Lorbeeren dafür. Sei jeden Tag und in jeder Situation Ally und nicht nur, wenn es für dich gerade angenehm ist.

Als Feministin wünschst du dir, dass ein Teil der Gesellschaft einfach schon das lebt, wofür du kämpfst und dir helfend unter die Arme greift, wenn du mal nicht mehr kannst. Solche, die aktiv eine sichere Umgebung für Frauen schaffen, aber nicht über deinen Kopf hinweg eingreifen auf eine Art, die du nicht willst und die nicht abgesprochen war. Männer, die Allies sein wollen, weil ihnen eine Veränderung der Gesellschaft und ihre Mitmenschen wichtig sind und die sich nicht davon versprechen, über den Feminismus irgendwelche Blumentöpfe zu gewinnen. Männer, die sich ihrer Privilegien bewusst sind und freundschaftlich an der Seite von Feministinnen stehen, statt auf dem weißen Pferd herangeritten kommen, um die Prinzessin in ihr Bett zu entführen.

Donnerstag, 19. September 2013

Gleichstellungsminister*innen stellen Forderungen zur Sexismus-Bekämpfung

Anfang September fand in Magdeburg die 23. Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und -minister,-senatorinnen und -senatoren der Länder statt. TOP 10.1 galt dem Thema Sexismus - hier wurde über den #Aufschrei gesprochen. Dass der #Aufschrei auf der Konferenz der Gleichstellungsminister*innen behandelt wurde, zeigt erneut, wie wichtig er für unsere Gesellschaft ist. Die Minister*innen haben Probleme, auf die viele Frauen selbst aufmerksam machten, als solche anerkannt und sich ihnen angenommen. Was auf Twitter begann, ist über die Medien in die Gesellschaft und die Politik gelangt. Und genau dorthin gehört das Thema auch. Wir bedanken uns für die Anerkennung und für die deutliche Unterstützung!
Ich fasse hier das Ergebnis des Tagesordnungspunkts kurz zusammen, die Langfassung findet ihr als pdf.

Der #Aufschrei wird als "notwendige Debatte" bezeichnet, der ein "gesellschaftliches Problem" diskutiert. Die Minister*innen erkennen an, dass hinter Sexismus ein System steckt und wie gefährlich dieser sein kann: "Sexistische Sprüche sind richtig „platziert“ äußerst wirkungsvoll." Sexismus ist eine "subtile Verletzung [der] Menschenwürde", deren (unbewusstes) Ziel die Unterordnung von Frauen ist.

Sexismus wird nicht von allen gleich erkannt - auch nicht von denen, die Betroffen sind. Trotzdem wirkt er sich schlecht auf die Gesundheit aus, da er durch strukturelle Benachteiligung persönliche Ressourcen frisst. Die Minister*innen äußern sich hier besonders zu Sexismus am Arbeitsplatz und ergänzen, wie gut sich eine höherer Frauenanteil in Führungspositionen auf das Arbeitsklima auswirkt und Sexismus entgegenwirkt.
Geschlechterbilder werden oft noch durch die Medien zementiert: "Verdeckter und offener Sexismus findet sich nicht nur in der sog. Regenbogenpresse, sondern ebenso im weitgehend seriösen Journalismus und den öffentlich rechtlichen Medien."
Die Minister*innen wünschen sich "ein grundsätzliches Umdenken in unserer Gesellschaft" was die Duldung von Sexismus angeht.
"Die GFMK unterstützt deshalb
1. die öffentliche Debatte über den alltäglichen Sexismus und
2. insbesondere die Veränderungen von Unternehmenskulturen (auch) durch mehr Frauen in den Führungspositionen und
3. das Ziel einer diskriminierungsfreien geschlechtergerechten Darstellung von Frauen und Männern in den Medien.
Weiterhin bittet die GFMK die Bundesregierung, eine Bestandsaufnahme der bereits in der Geschlechterforschung, der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und der Psychologie seit 2008 vorgelegten Studien im Themenbereich Sexismus zu erstellen, sie auszuwerten, die identifizierten Kernergebnisse zu publizieren und auf den Erkenntnissen aufbauend Vorschläge für das weitere Vorgehen gegen Sexismus abzuleiten."
Die Forderungen der Konferenz sind in gewisser Weise nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber natürlich hoffe ich, dass sie umgesetzt werden. Schließlich fordern die Minister*innen, die Debatte zu einer Sache der Bundesregierung zu machen und aufgrund von bereits erfolgten Studien weiteres politisches Handeln einzuleiten. Go for it!

Dienstag, 10. September 2013

Wundergabe

Eine der liebsten Freundinnen hat vor einigen Tagen ein sehnlichst erwartetes Baby-Horsti geboren. Ein wunderschönes kleines Dinokind.

Nicole und Hans haben eine erlesene Auswahl an Pat_innen für ihr Kind getroffen. Ich habe die große Ehre, eine davon zu sein und Tonis Leben mit meiner Wundergabe zu bereichern: Spinnen. Vielleicht darf ich also eines Tages dem Kind das Spinnen beibringen - bei der Mutter habe ich's ja schon hinbekommen.

Willkommen auf dieser Welt, Toni. Möge dein Leben voller Feenstaub sein! Und wenn ich in irgendeiner Form dazu beitragen kann, machst du mich sehr glücklich <3 Ich möchte deine Löwin sein.

Als ich Nicole zum ersten Mal laß, fühlte ich mich ihr gleich ganz nah. Alles, was sie schrieb und schreibt, berührte mein Herz (allein wieder diese Karte heute!). 2013 brachte uns dann als Mitstreiterinnen eng zusammen. Wir traffen uns, da war sie bereits mit Toni schwanger. Den Moment habe ich noch sehr genau vor Augen. Ich fühle mich so beschenkt, Patin ihres Kindes sein zu dürfen. Danke Nicole, dass ich deine Freundin sein darf. Und danke dir und Hans für die tolle Nachricht heute. Solltet ihr mal etwas brauchen, das ich erfüllen kann, bin ich jederzeit da.

Es soll ein großes Fest geben und ich freue mich schon drauf - auch, weil noch nicht alle Pat_innen enthüllt sind.

Sonntag, 28. Juli 2013

Leseprobe: "Ich bin kein Sexist, aber..."


Ich hatte die große Ehre, zusammen mit Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst und Mithu Sanyal ein Buch über Sexismus im Allgemeinen und natürlich im Speziellen über den #Aufschrei zu schreiben. Das Ergebnis ist "Ich bin kein Sexist, aber... Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden", erschienen im Orlanda Verlag. Beziehen könnt ihr unser Buch über den Verlag, via Amazon oder in gut sortierten Buchhandlungen. EDIT: Ab August soll es das Buch auch als ebook geben.
 
Nachdem Mina schon am Freitag eine Leseprobe aus ihrem Text zur Verfügung stellte, könnt ihr im Folgenden die ersten Absätze aus meinem Kapitel "Reaktionären Reaktionen – der Versuch, gegen Sexismus zu argumentieren" lesen.
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Irgendeine Nacht im Januar, drei Uhr morgens - ich sitze im Schlafanzug vor dem Notebook und weine. Vor wenigen Stunden hat Nicole von Horst ihre ersten Erlebnisse mit Sexismus und sexueller Belästigung getwittert. Ich fühlte mich an eigene Geschichten erinnert und mich ihr deshalb verbunden – ich twitterte also auch meine Erfahrungen. Daraufhin entstand ein Dialog mit Anne Wizorek, die den Hashtag #aufschrei vorschlug, und damit brach die Lawine los. Die nächsten Tage sind irgendwie "Geschichte" geworden.
Betrachten wir #aufschrei mit dem Abstand von drei Monaten: Die Aktion hat vielen eine Stimme gegeben, die bisher stumm waren, aber leider auch Betroffene retraumatisiert. Diejenigen, die jahrelang geschwiegen haben und nicht laut aussprechen konnten, dass ihnen ein Unrecht geschehen ist, bekamen nun die Möglichkeit dazu. Es wurden Erlebnisse mit zudringlichen Familienmitgliedern oder Partner_innen, Sexismus in Schulen, in der Werbung, Vergewaltigungen geschildert. Das Internet half ein bisschen, die Scham zu nehmen – brachte aber natürlich keine Anonymität. Aus dem Grund trafen die oft reaktionären Reaktionen der Kritiker_innen viele von uns mitten ins Herz.
Dadurch, dass nicht nur ein oder zwei Menschen von ihren Erlebnissen mit Sexismus berichteten, rückten die Opfer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - oder hätten dorthin rücken können, wäre an vielen Stellen nicht versucht worden, ihnen diese Aufmerksamkeit zu nehmen. Meine persönlich erste Reaktion auf all die Geschichten, die trotz (oder wegen) der twittereigenen Beschränkung auf 140 Zeichen eine unglaubliche Kraft hatten, war irgendwas zwischen Empörung, Wut und Verbundenheitsgefühl. Meine Tränen waren Zeichen von Traurigkeit und Überforderung. Bestärkt wurden diese Gefühle von den Tweets, die versuchten, #aufschrei ins Lächerliche, ins Banale zu ziehen. Aussagen von Menschen, die teilweise dagegen argumentierten und teilweise einfach nur bösartig und hasserfüllt waren.
In diesem Beitrag möchte ich mich mit den Reaktionen beschäftigen, denn bei Betrachtung der Vorwürfe gegen #aufschrei und #Tugendfuror lassen sich gewisse Muster erkennen.
Macht ist eine ganz wichtige Komponente beim Thema Sexismus. Wenn eine Person einer anderen vorwirft, etwas falsch gemacht zu haben, ist eine der typischen Reaktionen, den Vorwurf von sich zu weisen. Öffentlich gesagt zu bekommen, einen Fehler gemacht zu haben, bedeutet für viele Gesichtsverlust – damit einher geht dann die Angst, die gesellschaftliche Stellung und damit verbundene Macht zu verlieren.
Viele Männer reagierten sehr empathisch auf die verschiedenen Geschichten. Vielen war anscheinend nicht bewusst, wie das alltägliche Leben zahlreicher Frauen aussieht. Einige Männer bekamen den Eindruck, sich in einer ganz anderen Lebenswelt zu bewegen. Ich habe sehr viele Statements von Männern gelesen, die angeregt wurden, ihr eigenes Verhalten zu überdenken und dies auch taten. Sie merkten, dass das, was sie für sich immer als okay definiert oder sich einfach herausgenommen hatten, nicht immer als korrekt empfunden wurde. Hier hat die Debatte wirklich etwas bewegen können.
Leider gab es da aber auch die Gegenseite, und die fühlte sich von den Tweets auf den Schlips getreten. Diesen Leuten fiel es schwer, Empathie mit den Opfern zu empfinden, und sie gingen zum Angriff über. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Hashtag ganz schnell Menschen anzog, die den Twitternden Vorwürfe machten oder sich beschwerten, weil sie sich angesprochen fühlten. Für sie war nur die eigene Person wichtig, die da eventuell angegriffen werden könnte, was auf keinen Fall gerechtfertigt wäre. Bei einigen entstand auch das Gefühl der Ausgrenzung, weil sie nicht auf der Seite der Opfer standen und ausnahmsweise mal nicht diskursbestimmend waren.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Über das Bloggen - Vom Privaten zum Politischen


Meine Mutter kam heute zum Kaffee – wir sprachen über mich und das Internet, über meine Blogbeiträge und was ich so Persönliches von mir preisgebe. Mama kann ganz gut mit dem Internet umgehen. Wir schreiben uns Mails und skypen, sie benutzt Ravelry, findet Dinge bei Google und weiß, was ein Hashtag ist. So findet sie zum Beispiel auch Dinge von mir oder über mich und sie sucht auch ganz gezielt danach. 

Aus dieser Aussage entstand eine interessante Unterhaltung darüber, warum ich manche Dinge ins Internet schreibe, warum ich über Politisches blogge und dabei oft von mir selbst ausgehe.
Ich bin sowohl online als auch offline sehr zurückhaltend mit dem, was ich von mir preisgebe. Ich muss nicht allen gleich allen alles erzählen, was in meinem Kopf so vorgeht. Gebranntes Kind scheut das Feuer. Ich habe da genug Zurückweisung und Ablehnung erfahren, um auch einfach mal nichts zu sagen. Aber es gibt Dinge, die sind gesellschaftlich relevant, auch wenn sie mit privaten Dingen verbunden sind.

Ich schreibe zum Beispiel über Vorfälle mit Rassismus und Sexismus. Sowas erleben auch andere und gerade im Zuge von #Aufschrei haben viele von uns erfahren, wie gut es sich anfühlt, darüber zu schreiben und zu sehen, dass es anderen ähnlich geht. Erzählen hilft mir und anderen.
Ich habe auch über meinen Weg ins Studium gebloggt. Die Tatsache, dass ich nicht aus einer Mittelschichtsfamilie stamme und dementsprechend andere Steine aus dem Weg räumen musste als andere Menschen, kam mir anfangs eher klein und unwichtig vor. Ich habe lange überlegt, ob ich mit einem so privaten Thema Raum einnehmen möchte. Aber ich finde es wichtig, zu zeigen, dass es ein Privileg ist, finanziell gut versorgt zu sein. Auch Themen wie Schüchternheit sind gesellschaftlich relevant, denn welche Eigenschaften bei Menschen mehr oder weniger geschätzt werden, prägt unsere Gesellschaft. Und vielleicht macht es anderen Leuten Mut, denen es ähnlich geht. Vielleicht finden sich andere mit ähnlichen Geschichten und es hilft uns, gemeinsam zu verarbeiten und zu verstehen, was uns geprägt hat.

Ich bewege mich in feministischen Kreisen, schreibe viel dazu. Demzufolge bin ich auch mitten drin in der Debatte, wer wann wie viel Raum einnimmt und sich zu etwas äußern kann/darf. Im Zusammenhang mit #Aufschrei und unserer Nominierung gab es eine Stimme, die davon sprach, dass die Debatte zu weiß-hetero-cis-mittelschichts-fixiert ist. Besonders bei solchen Einwänden finde ich es wichtig, private Dinge, die mich geprägt haben, öffentlich zu schreiben. Ich habe nämlich nicht alle diese Privilegien, die uns allen™ da pauschal zugesprochen werden. Wenn ich das also nicht aufschreibe, kann das niemand wissen.

Ich finde es wichtig, dass nicht nur eine Gruppe Menschen sich zu politischen und gesellschaftlichen Themen äußert, sondern dass die Stimmen vielfältig sind. Und dazu gehört es eben auch, hin und wieder über sich selbst zu erzählen.

P.S.: Den Einwand meiner Mutter halte ich für nicht relevant und teile ich so nicht ;-)