Eigentlich kennen die meisten Menschen hin und wieder emotionale Tiefpunkte. Einige möchten dann lieber alleine sein, andere wollen getröstet werden. Ich hatte dieser Tage wieder einen dieser Tiefpunkte und habe über Trost getwittert. Dass ich gerne tröste und meine Freund_innen mich als Ratgeberin schätzen. Aber eben auch, dass einige Menschen meines Umfeldes - und auch ich selbst! - damit
überfordert sind, wenn ich dann
mal Trost brauche und gerne auf eine Person zurückgreifen würde.
Via Twitter hat die
@LenaSchimmel mich angeschrieben und gemeint, dass ihr das Trösten oft schwerfallen würde und ob ich ihr Tipps geben könnte. Dieser Beitrag ist also gespeist aus Lenas Fragen, die per Mail kamen, und meinen spontanen Eingebungen. Einiges ist einfach das, was ich oft tue, wenn ich trösten muss/möchte, anderes habe ich erfahren und als angenehm empfunden.
Natürlich ist das hier kein Fahrplan, der von oben nach unten
abzuarbeiten ist. Traurigkeit kann sich auf viele Wege zeigen, oft auf
vielen durcheinander. Aber ob Trauer um einen verstorbenen Menschen oder die Trennung aus einer langen Beziehung, da sind die Unterschiede gar nicht groß.
Ich habe hier die Eckpunkte für dein Verhalten
aufgezeigt, die ich am wichtigsten finde. Alles nur Erfahrungswerte und
keine psychologischen Meisterinnenleistungen.
1. Ernst nehmen
Wenn ich jemandem meine Gefühle offenbare bzw. daran teilhaben lasse, bin ich sehr angreifbar und möchte gerne ernstgenommen werden. Übertriebenes Trösten kann genauso schlecht sein, wie gar keine oder zu neutrale Reaktion. Nebenher ein bisschen Tätscheln und Floskeln wie "Die Zeit heilt alle Wunden" bringen die traurige Person so gar nicht weiter, sondern sorgen zusätzlich zur Trauer auch noch für das Gefühl, alleine gelassen und nicht für voll genommen zu werden. Auch Bewertungen wie "Ist ja nicht so schlimm" und "Die Frau war eh nicht gut für dich" sind völlig fehl am Platz.
2. Schutz
Nicht alle Menschen weinen, wenn sie traurig
sind. Manche können nicht weinen oder schämen sich ihrer Tränen (gerade Jungs und Männern wird ja
oft noch eingeredet, dass weinen Schwäche bedeutet und Schwäche etwas
Schlechtes wäre). Wichtig ist auf jeden
Fall, ein geschütztes Umfeld zu schaffen. Sorge dafür, dass du und die
trauernde Person alleine im Raum sind und niemand einfach so
hereinstürmen kann. Mache es der Person gemütlich - egal, ob sie nur in
die Luft starren möchte, weint, sich aussprechen will o.a. Ein Kissen,
eine Decke oder eine Katze können sehr hilfreich sein. Gehe du ans
Telefon, wenn es klingelt, oder schalte es noch besser ab. Aber lasse
nicht die traurige Person auch noch Telefonate beantworten müssen. Wenn
der traurige Mensch nervös auf und ab läuft, dann lasse sie_ihn. Setz
dich hin und strahle ein bisschen Ruhe aus, wenn die Person so weit ist,
wird sie sich zu dir setzen.
Alleine lassen ist in meinen Augen der schlechteste Weg und kann auch
gefährlich sein. Manchmal ist aber Abstand gut, lasse der trauernden
Person ihren Raum, aber signalisiere, dass du da bist.
3. Ausweinen lassen
Manchmal muss man einfach weinen. Mir geht es oft so, dass ich danach besser denken kann, mich freier fühle und die Erschöpfung nach einem richtige Weinkrampf auch sehr erleichternd sein kann.
"Jetzt weine doch nicht" ist auch wieder so ein Spruch, der sagen: "Hey, du machst was falsch, lass das mal!". Das bewertet wieder das Verhalten der trauernden Person. Beim Weinen vielleicht besser gar nichts sagen, meistens kann dein Gegenüber dir sowieso nicht antworten.
Ich finde es persönlich total okay, mitzuweinen, wenn dir danach ist. Ich kann oft nicht anders, gerade wenn ich eine Person tröste, die mir wichtig ist. Gemeinsames Weinen kann auch heilsam sein, aber versuche, nicht deine Gefühle zu sehr in den Vordergrund zu drängen.
Wenn du mit einer weinenden Person überfordert bist, hilft das natürlich
auch nicht weiter. Dann wäre es nett, wenn du dich um entsprechenden
"Ersatz" kümmerst.
4. Körperkontakt - oder besser nicht?
Die meisten von uns wollen sich nicht von allen Menschen und in allen Situationen anfassen oder gar umarmen lassen. Gerade wenn eine Person in einer so emotional angreifbaren Situation ist, ist es ganz wichtig, nach dem
Zustimmungsprinzip zu handeln. Frage also bitte vorher, ob du die Hand halten sollst, umarmen darfst oder kuscheln okay ist (wenn du selbst das auch möchtest). Wenn du dann ein "ja" hörst, umarme so lange, wie die zu tröstende Person das möchte. Ohne Zeitbegrenzung einfach da sein, gibt Sicherheit und das ist sehr wichtig, wenn man traurig ist. Sei nicht beleidigt, wenn kein Körperkontakt gewünscht ist und nutze die Kraft- und Wehrlosigkeit der Person nicht aus.
5. Schweigen
Wenn die traurige Person nur dasitzt und nichts sagt, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie mit ihren Gedanken alleine sein und nichts sagen oder hören möchte. Vielleich weiß sie aber auch einfach nichts zu sagen und würde gerne etwas Tröstendes von dir hören. Davon auszugehen, dass Schweigen bedeutet, du bist unerwünscht, ist aber auch falsch.
Genau wie zu fragen, ob eine Person umarmt werden möchte, kannst du fragen: "Soll ich lieber nichts sagen?" Einige Leute - wie ich - müssen erst alles mit sich selbst durchkauen, bevor sie sprechen können. Da hilft es dann eben, den oben beschriebenen Schutzraum aufzubauen und ggf. konsensual die Hand zu halten.
6. Sprechen
Ab einem gewissen Punkt möchten viele Menschen über das sprechen, was sie gerade traurig macht. Genau wie beim Weinen ist es gut, die Person dann einfach machen zu lassen. Nicht unterbrechen, keine ungefragten Ratschläge geben und nichts von dem bewerten, was gesagt wird.
Reden ist oft der zweite Schritt nach dem Schweigen und sollte auf keinen Fall aufgedrängt werden. Wenn du deine Bereitschaft signalisieren möchtest: "Wie fühlst du dich?" und "Möchtest du drüber reden?" sind passendere Fragen als das oberflächliche "Wie geht es dir?".
Etwas zu sagen, was einen Menschen direkt wieder glücklich macht, ist unmöglich. Du kannst durch deine Worte Verständnis zeigen und damit die Punkte 1 und 2 verstärken. Dass du dich selbst in der Situation auch nicht anders fühlen würdest, kann viel mehr helfen als man denkt, denn Verbundenheit spendet Trost. Verbundenheit kann durch Erfahrungsaustausch entstehen, ist aber in der ganz frischen Trauer schwierig. Du solltest nicht auf dich und dein Erleben ablenken, sonst fühlt sich dein Gegenüber womöglich noch gedrängt, dir zu helfen.
7. Trost via Internet
Lena hatte ganz explizit gefragt, ob man via Netz (Twitter z.B.) Trost anbieten sollte. Ich finde, hier kommt es sehr darauf an, in welcher Beziehung man zueinander steht.
Wenn du die Person auch persönlich kennst und ihr auch außerhalb des Netzes befreundet seid/euch trefft, ist es sehr nett, anzubieten vorbeizukommen und zu trösten. Wenn man sich vorher nie gesehen hat, würde ich das als zu aufdringlich empfinden.
Aber auch bei reinen Netzbekanntschaften finde ich es lieb, Trost und Hilfe anzubieten. Trost via Nachricht/Mail kann zwar kein Ersatz für echtes Treffen sein, aber Zuspruch und Rat sind auch so möglich. Per Mail bist du natürlich darauf angewiesen, dass dein Gegenüber dir sagt, ob es sagen will, was los ist - Körpersprache und Berührung fallen völlig weg. Ggf. Tipps geben und zeigen, dass die Person nicht alleine ist, das geht aber - oder ihr verabredet ein Telefonat. Wichtig finde ich, nichts anzubieten, was man nicht leisten kann. Dann lieber schreiben: "Ich weiß nichts Schlaues zu sagen, ich wollte nur zeigen, dass du nicht alleine bist."
tl;dr
Was du nicht vergessen darfst: Die traurige oder trauernde Person steht im Mittelpunkt, nicht du. Sie gibt den Takt der Trauer und des Tröstens vor. Es ist nicht deine Aufgabe, der Person deine Ratschläge aufzudrängen und sie in eine noch unangenehmere Situation zu bringen. Auch das Ausnutzen für unerwünschten Körperkontakt, weil die traurige Person sich gerade nicht wehren kann, ist absolut unangebracht!
Sei einfühlsam und wenn du nicht weiter weißt, frage einfach vorsichtig und ohne noch mehr Druck aufzubauen, wie du dich verhalten sollst. Auch in unserer Traurigkeit sind wir alle individuell.
Schutz bieten, eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen und da sein, sind die wichtigsten Punkte, würde ich sagen. Alles andere passiert dann so, wie es gewünscht und richtig ist. Bleibe natürlich, damit dein Gegenüber auch ganz natürlich traurig sein kann. Du brauchst keine Angst zu haben. Trösten ist gar nicht so schwierig, wie es hier vielleicht scheint.
Hin und wieder musst du einfach nur Tee kochen um euch beide zu entspannen und die Sache so schon auf den richtigen Weg zu bringen.